Suhl: Nicht in unserem Namen!

Quelle: Antifa Suhl/Zella-Mehlis

Bei den vergangenen Protesten gegen den SÜGIDA-Aufmarsch in Suhl entschlossen sich Leute aus dem Anti-Nazi-Bündnis NOSÜGIDA mit den Nazis in Dialog zu treten, per Megafon und Lautsprecher-Anlage zum einen, zum anderen aber auch direkt auf der Bühne von SÜGIDA. Wir halten das für einen fatalen politischen Fehler.

Bei den vergangenen Protesten gegen den SÜGIDA-Aufmarsch in Suhl entschlossen sich Leute aus dem Anti-Nazi-Bündnis NOSÜGIDA mit den Nazis in Dialog zu treten, per Megafon und Lautsprecher-Anlage zum einen, zum anderen aber auch direkt auf der Bühne von SÜGIDA. Wir halten das für einen fatalen politischen Fehler.

„Muss man an jeder Mülltonne schnuppern?“, fragte einmal Wiglaf Droste in einem über weite Strecken großartigen Text aus dem Jahr 1993 zum Thema, ob man denn mit Nazis reden solle. Zwei Mitglieder des Suhler Anti-Nazi-Bündnisses haben das getan und zwar nicht nur über die Ferne per Megafon & Lautsprecher-Anlage, sondern auf der Bühne der Faschisten. Seit Wochen stehen sich Nazis und Gegenproteste am Platz der deutschen Einheit unversöhnlich gegenüber. Inzwischen scheint zwischen einzelnen Akteuren beider Seiten das Eis gebrochen. Neben Superintendent Martin Herzfeld stand am vergangenen Montag auch der Linkspartei-Funktionär Johannes Häfke bei SÜGIDA auf der Bühne, um mit Patrick Schröder, Axel Schlimper & Co. über Rassismus zu diskutieren.

Uns stellt sich die Frage nach dem Warum.

Was verspricht man sich dabei, mit dem harten Kern der faschistischen SÜGIDA-Organisatoren in eine öffentliche Debatte zu treten? Welches Verständnis rassistischer Ideologie liegt solcher Praxis zugrunde? Muss man einem sächselnden Holocaustleugner indirekt Recht geben, wenn er gegen Israel hetzt und man nichts anderes zu antworten weiß als, dass grad keine Israelfahne in den Reihen der Gegendemonstranten gezeigt wird (die israelsolidarische Antifa protestierte in der Aue)? Häfke hat das getan. Er ist mit Nazis in den Dialog getreten und hat nicht widersprochen als der jüdische Staat zum Hort des Bösen erklärt wurde. Freilich wäre es sinnlos gewesen, das antisemitische Ressentiment aufzuklären, weil ein Holocaustleugner und Überzeugungsnazi ohnehin nicht aufzuklären ist, weil seine ganze selektive Wahrnehmung der Welt darauf ausgerichtet ist, sich jede, das eigene Weltbild konterkarierende, Einsicht vom Leib zu halten, weil stimmt, was Wiglaf Droste schreibt: „Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc., ‚Menschen‘ jedenfalls […] ‚um die wir kämpfen müssen‘.“ Wollte Häfke um den Antisemiten Axel Schlimper und seinen wegen öffentlichen Zeigen des Hitlergrußes verurteilten Kameraden Patrick Schröder kämpfen oder wurde Häfke zum Opfer der eigenen Hybris?

Bei Häfkes Fernduellen per Megafon mit Axel Schlimper auf der SÜGIDA-Bühne jedenfalls entstand der Eindruck, Häfke würde für mehr als für sich selber sprechen. Nämlich für die, die jede Woche SÜGIDA in Suhl die Stirn bieten oder etwa für das Bündnis, das die Proteste vorbereitet und deren formaler Teil auch wir sind. Dem wollen wir an dieser Stelle ausdrücklich widersprechen. Wer sich verbal mit Nazis duellieren will, soll das tun, aber er soll seine Querfront-Allüren woanders ausleben, als aus einem antifaschistischen Protest heraus. Sie sprechen nicht in unserem Namen!

Wir lehnen jeden Versuch ab, Nazis eine Plattform zu verschaffen, ihre Ideologie, ihren Menschenhass als legitime Meinungsäußerungen und ihre Taten als dessen Ausdruck zu verharmlosen. Wir wollen nicht mit Nazis reden, wir wollen sie daran hindern, das zu tun, was Nazis eben tun. Ihre verbalen und tätlichen Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte gilt es zu verhindern. Der Verschärfung des politischen Klimas gilt es entgegenzuwirken und somit der Entwicklung Einhalt zu gebieten, die aus Normaldeutschen Nazis macht. Wer meint, das geht, indem man mit den Anführern und stichwortgebenden Demagogen auf deren Bühnen in Dialog tritt, handelt bestenfalls naiv und begeht einen schweren politischen Fehler.

Ansonsten haben wir bis hierhin den Worten Wiglaf Drostes nichts hinzuzufügen: „Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß er sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. Wo Nazis ‚demokratisch‘ gewählt werden können, muß man sie nicht demokratisch bekämpfen.“